An unseren Wunden wird er uns erkennen

Im Sonntagsevangelium legt ein Freund dem anderen die Finger tief in die Wunde hinein: Der „ungläubige“ Thomas dem auferstandenen Jesus. Was soll diese Geste?

Der hartnäckige Thomas, der nicht dabei war, als Jesus das erste Mal gekommen ist, will es jetzt erst recht und ganz genau wissen: Thomas erscheint wie ein neugieriges Kind, das gerade den Unterschied zwischen wahr und falsch lernt, zwischen beweisbarer und unbewiesener Behauptung. „Wer nicht fragt, bleibt dumm!“ könnte man sein Handeln mit der Sesamstraße kommentieren.

Mir aber fällt an den Darstellungen etwas Anderes auf: eine oft schwer erträgliche Intimität. Da legt ein Freund dem anderen die Finger tief in die Wunde hinein. Das ist eine zutiefst nahe, grenzüberschreitende Berührung! Unser Sprachgebrauch macht das deutlich: „Den Finger in die Wunde legen“ – da legen wir eine empfindliche Stelle beim anderen gnadenlos offen. Sind wir gar bösartig, „streuen wir Salz in die Wunde“. Meinen wir es gut mit dem anderen, dann „decken wir es zu“ oder haben Verständnis, wenn jemand sich zurückzieht, um wie eine Katze „seine Wunden zu lecken.“

Wunden sind nichts für die Öffentlichkeit! Warum macht Thomas dann so etwas mit einem Freund? Haben wir selbst Angst vor solchen Wunden? Ich denke wir sind herausgefordert auch unsere eigenen Verletzungen regelmäßig anzuschauen: Wunden sehe ich als Einfallstore Gottes, Punkte, an denen Gott mich mit seiner Gnade verwandeln kann.

Wie oft und gerne zeigen wir unsere “Schokoladenseite“ und bieten Gott erstmal unsere Stärken an. Vielleicht braucht Gott die aber gerade nicht. Vielleicht braucht er genau meine Schwächen, meine Verletztheit, um wirken zu können. Wunden als Sollbruchstelle für den Heiligen Geist. Und so gern wir – im Gegensatz zu Jesus – die vernarbte Hand oft wegziehen möchten, so ist es doch nicht unsere Aufgabe Gott vorzuschreiben, was er braucht. Unsere Aufgabe ist es ihm beides anzubieten.

Meine Erfahrung mit Menschen bestätigt: wer selbst verwundet ist kann Mitleid empfinden, hat Verständnis für die Verletzungen des Gegenübers.

Unsere Wunden und Narben sind Teil unserer Identität, sie formen unsere Person. Und genau das fragt Thomas hier an: Bist Du es, mein Freund? Bist du der, der zum Schluss am Kreuz gestorben ist oder ein fremder Geist? Thomas klärt stellvertretend für uns alle Jesu Identität, er sichert die Beziehung zum Auferstandenen für uns. Und Gott bleibt sich treu: Auch der Auferstandene trägt die Menschen – Wunden.

An seinen Wunden erkennt Thomas für uns Jesus. Und ich bin überzeugt, dass Gott uns – auch  im Tod –  an unseren Wunden erkennt.

Diakon Hermann-Josef Bowe

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