Ein Platz an der Sonne

Der Slogan: „Ein Platz an der Sonne“ der Fernsehlotterie ist vielen bekannt. Wahrscheinlich wissen nur wenige, dass der Satz zurückzuführen ist auf Bernhard von Bülow, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts in einer Reichstagsdebatte sagte: „Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der

Sonne.“

Das Streben nach einem guten Platz im Leben ist sicher so alt wie die Menschheit. Niemand möchte im Schatten leben, sondern im Sonnenlicht, in dem er sich entfalten kann. Die Fernsehlotterie setzt sich für Menschen ein, denen leider zu oft ein Platz an der Sonne verwehrt wird.

Es gehört zum Menschen nach einem sicheren Platz im Leben zu streben. Dieser Wunsch ist nicht verwerflich. Von einer buckeligen Demut ist auch unter uns Christen nichts zu halten. Wer ein Streben nach den letzten Plätzen in der Gesellschaft fordert gilt heute als weltfremd.

In jeder menschlichen Gesellschaft gibt es Strukturen: ein Oben und ein Unten, Menschen die leiten, und Menschen, die geleitet werden. Selbst die Demokratie, übersetzt „Herrschaft des Volkes“, kann nicht auf Ämter verzichten.

Auch die Jünger Jesu waren nicht frei von Geltungsstreben. Im Unterwegs hatten sie darüber gesprochen wer von ihnen der Größte sei. Als Jesus sie danach fragte schwiegen sie. Wer gibt solche Gedanken schon gerne zu?

Doch Jesus tadelt sie nicht. Jesus lässt das menschliche Streben nach den ersten Plätzen gelten, füllt es aber mit neuem Inhalt: Wer allen dient, der ist in seinen Augen der Größte und Erste. Für ihn ist unten oben, Letzte sind Erste.

Es ist nicht nötig die Gesellschaftsordnung auf den Kopf zu stellen. Jesus verändert nicht die Position der Menschen, sondern ihre Haltung. Ganz gleich, wo einer steht und welche Funktionen er innehat, er ist immer nur dann groß, wenn er dient, auch durch sein Amt. Selbst der Papst als Oberhaupt der Kirche nennt sich „servus servorum“, Diener der Diener.

Jesus selbst hat diese Haltung vorgelebt. Er war der Erste und Größte, und war doch der Diener aller, der am Kreuz den letzten Platz eingenommen hat. Darum ist seine Erniedrigung auch die größte Erhöhung.

Wer sich als Christ verwirklichen will, dem ist ein Platz an der Sonne wichtig, allerdings nicht nur für sich allein, sondern für alle.

Christian Morgenstern schreibt in einem seiner bekannten Lieder:

Allen Bruder sein, allen helfen, dienen, ist seit Er erschienen, Ziel allein.“

Ihnen und Euch allen eine gute Woche

Diakon Hermann-Josef Bowe

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