Wir alle sind zur Freiheit berufen!   

Nachdem Paulus Galatien verlassen hatte, versuchten judenchristliche Prediger den Heidenchristen wieder die alten jüdischen Gesetzesforderungen aufzuerlegen.

Als Paulus davon hört, schreibt er einen sehr leidenschaftlichen Brief, der zu den Texten diesen Sonntags gehört.

„Lasst euch nicht länger bevormunden, ihr seid zur Freiheit berufen!“, so sagt Paulus sinngemäß. Mit dieser Entlassung in die Freiheit widerspricht Paulus den Missionaren, die mit ihrer Gesetzesfrömmigkeit eine rückwärtsgewandte Theologie verkünden. Für Paulus stellt das Gesetz eine Knechtschaft dar, eine Fremdbestimmung. Zur Freiheit,

zur Selbstbestimmung seid ihr, sind wir berufen – auch wenn Freiheit oft falsch verstanden oder ausgenutzt werden kann.

Das ist heute genauso aktuell wie damals. In der Religion – in jeder Religion – gibt es Tendenzen sich aus gut gemeinten Gründen zu versklaven, sich Regeln und Gesetzen zu unterwerfen, weil man meint darin das Heil zu finden. Auch heute sind wir in unserer Kirche immer noch weit davon entfernt die Freiheit, die Paulus verkündet, umzusetzen und zu leben.

Ein Beispiel dafür, dass die Kirche immer schon wusste, was für alle gut und richtig ist, ist die Moraltheologie. „Denken wir nur an eine Sexualmoral, die sich in der Verkündigung schuldig gemacht hat, die Menschen krank gemacht hat und die sich auch heute noch so schwer tut mit den Zeichen und Erkenntnissen unserer Zeit”, so hat es unser Bischof Franz-Josef Bode in einer Predigt formuliert.

Ausdruck von absoluter Selbstbestimmung ist dagegen die Liebe, die aus dem Herzen kommt und die weiß, was jetzt und in diesem Augenblick für den Menschen gut und richtig ist. Das kann kein Gesetz vorschreiben. Das entscheidet allein das Herz, das liebt, und zwar ganz spontan.

Wir haben heute in der Kirche viele Probleme, weil wir uns versklavt haben, z.B. an die Tradition (was immer schon war, dürfen wir nicht ändern) oder an ein allzu wörtliches Bibelverständnis. Wir müssen uns als Kirche immer wieder neu fragen, wie wir den Menschen heute gerecht werden können.

Wenn Paulus sagt: „Lasst euch vom Geist (Gottes) leiten!”, dann wissen wir, dass sich der Hl. Geist durchaus der menschlichen Vernunft bedient. Mit Hilfe der Vernunft könnten wir durchaus manche Probleme lösen, die die Kirche heute ins gesellschaftliche Abseits gedrängt haben.

So dürfen wir durchaus fragen, ob es nicht gut und richtig wäre dem Priestermangel durch die Zulassung von Verheirateten und Frauen zur Priesterweihe zu begegnen. Das Problem der Kirchenkrise sind nicht die böse Welt und die ungläubigen Gläubigen, sondern die Angst vor der Freiheit und den notwendigen Veränderungen.

Schade, denn die Freiheit ist ein Geschenk Gottes! Amen.

Diakon Hermann-Josef Bowe

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