Der barmherzige Samariter

Im Sonntagsevangelium steht der barmherzige Samariter im Mittelpunkt, der so großzügig und uneigennützig für einen Fremden sorgte.

Wenig hören wir aber aus der Perspektive des Opfers. Wie viel Angst mag der Mann gehabt haben, als die Räuber vor ihm auftauchten? Ihn auszuplündern reichte nicht, brutal schlagen sie zu, sein Leben ist in ihren Augen nichts wert.

Und dann liegt er da: blutend, verzweifelt und ängstlich wartend, ob nicht doch noch jemand vorbeikommt. Aber ein guter Mensch muss es sein, nicht wieder einer der Räuber, der noch mal zuschlägt. Dann kommt endlich einer – Hoffnung blitzt auf. Doch er geht vorüber. Auch der Nächste sieht ihn und zuckt mit den Achseln.

Opfer sein, das heißt eben nicht nur misshandelt zu werden, sondern auch mit dem Schmerz und der Verzweiflung alleingelassen zu werden. Es nicht wert zu sein, dass jemand seine Zeit opfert und die eigenen Pläne ändert.

Doch dann kommt einer, der in dem Zerschlagenen den Mitmenschen erkennt. Der bremst ab, geht Umwege, gibt viel Geld aus, um zu heilen – und ist doch selbst in den Augen der Mehrheitsgesellschaft nichts wert.

Es gibt viele, die in unserer Zeit Opfer werden. Ich könnte sie sehen, wenn ich nach rechts und links schaue. Wenn ich Ohren habe, die das stumme Klagen der Leidenden hören. Wenn ich nicht der Erste am Ziel sein will, sondern mich aufhalten lasse von der Not der Zerschlagenen und Missbrauchten.

Wem werde ich zum Nächsten, zur Nächsten? Wem helfe ich, wieder auf die Beine zu kommen?

Diakon Michael Freitag

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  • 220710: Gerd Altmann auf Pixabay
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